KONKRET - ABSTRAKT. 4 Wahrnehmungen 

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b r i g i t t e _ s e i d e l _ m a l e r i n   &   b r i g i t t e _ s e i d e l _ k u n s t h i s t o r i k e r i n

Ausstellung „Konkret - Abstrakt. Vier Wahrnehmungen“ in der Orangerie im Englischen Garten, 28.08. bis 03.09.2018

In der Ausstellung „Konkret –Abstrakt. Vier Wahrnehmungen“, die vier Künstler aus verschiedenen Arbeitsfeldern in einer beziehungsreichen Zusammenschau vereint, wird einmal mehr deutlich: die Kunst entzieht sich der instrumentellen Vernunft. Ein – wie auch immer geartetes - Instrumentarium würde die Wesenhaftigkeit der Werke in dem Maße verfehlen, in dem diese ihre visuelle Vieldeutigkeit entfalten.

Nirgendwo lässt sich die Frage nach dem Verhältnis der Wirklichkeitsebenen besser aufzeigen als in der Kunst.

Die in München geborene Bildhauerin Sophia Hößle lässt mit ihren anmutigen Holzskulpturen Un-Scheinbares sichtbar werden, indem sie in der Natur Vorgefundenes, ein einzelnes Blatt etwa, um ein Vielfaches vergrößert. Die Bearbeitung ist gerade so differenziert, dass die Künstlerin den fragilen Strukturen des „Vorbildes“ gerecht wird und gleichzeitig die haptischen Qualitäten des Werkstoffes spürbar bleiben dürfen. Das Eigene der Holzmaserung wiederum durchscheint die subtile Gestalt der Arbeiten in einem wunderbaren geistig-sinnlichen Zusammenspiel.

Der Arbeitsprozess des Fotokünstlers Wolfgang Steck beginnt ebenfalls mit dem Blick auf – vermeintlich – unscheinbare, unbedeutende Objekte, den Tintentropfen, das Blütenblatt, die er durch zahlreiche gestalterische Entscheidungen aus der Sphäre des Alltäglichen hebt und jenseits deren Dinglichkeit als eine neue Wirklichkeit inszeniert. Der Künstler entbindet die Fotografie von allem Dokumentarischen und verleiht ihr durch graduelle Abstraktionen seine eigene Empfindungsrealität, zu welcher der Betrachter nun in sich selbst Resonanz finden kann.

Auch bei uLi guetaZ aus Frankreich, die auf ihre ganz eigene Weise Fotografie in ihre Arbeiten integriert, soll diese nun nicht mehr „als Beleg“ für etwas gelten. Zwar bildet die Künstlerin Vorgefundenes ab, wobei hier strukturelle Qualitäten wie etwa Transparenz ausschlaggebend sind, gleichzeitig aber erforscht und transformiert sie die Technik der Fotografie an sich, indem sie den Bildträger über skulpturale Stufen laufen lässt und so einer neuen Materialität und damit neuen Präsenz zuführt. Inhaltlich wie formal weitet die Künstlerin durch ihre Foto-Skulpturen den Bildraum in das Unendliche.

Als „Fenster in die Welt“ wird die Materialität einer Fotografie, ihres Bildträgers, oft bis zur Wahrnehmungsgrenze negiert. Selten sind Bildfläche und Bildraum aber so gleichwertig wie in der Farbfeldmalerei, wie einmal mehr die Malerei von Reinhild Stötzel zeigt. In ihren „Progressionen“, die stets den gleichen formalen Aufbau zeigen, experimentiert sie mit der schrittweisen Veränderung im Zusammenspiel zweier Farben. Den dicht vor den Werken stehenden Betrachter fasziniert die Malerin mit ihrer hochkonzentrierten, minutiösen Feinarbeit: in tausenden von Farbabstufungen, die sie mit kleiner Spachtel bearbeitet, präsentiert sich ihre ganz eigene künstlerische Handschrift, und tritt man zurück, fangen die Farben an zu vibrieren und in den imaginären Bildraum zu schwingen.

Die Simultaneität aller Phänomene ist es, was Kunst spannend macht.

Kunst entzieht sich und gleichzeitig lädt sie uns ein, sie als „wahr“ zu nehmen: in der Authentizität unseres Erlebens.