Dr. Bettina Krogemann

Farbe bekennen

Gedanken zur aktuellen konstruktiven Malerei von Reinhild Stötzel

Während Paul Klee das Verhältnis von Linie und Form schon früh beherrschte, näherte er sich dem Thema Farbe erst später durch ausgedehnte Versuche mit tonalen Abstufungen. Sein Maler-Kollege Johannes Itten kam über seine Lehrtätigkeit und die Arbeit mit Studenten am Bauhaus zur intensiven Beschäftigung mit dem Thema Farbe. Ihn interessierte das Zusammenwirken von Form und Farbe. Nach vielen Jahren hatte er schließlich 1961 eine Farbenlehre aufgestellt, die sein bis zum heutigen Tag von der Fachwelt hoch geschätztes theoretisches Hauptwerk ist. Zwei Jahre zuvor veröffentlichte ein dritter Bauhaus-Künstler seine Sicht auf das Phänomen Farbe. Josef Albers, mittlerweile in den USA lebend, gab seine auf vielen Studien basierende Schrift ‚Interaction of Color‘ (Wechselwirkung der Farbe) heraus. Sein Fazit lautete: ‚In der visuellen Wahrnehmung wird eine Farbe fast nie so gesehen, wie sie wirklich ist - wie sie physisch ist. Das macht Farbe zum relativsten Medium in der Kunst‘. Seine revolutionäre Sicht auf das Thema Farbe wurde nicht von allen geteilt und geliebt, dennoch zeigt gerade sie, wie komplex und anspruchsvoll eine Malerei ist, die sich primär diesem Aspekt widmet. Genau dies macht die Malerin Reinhild Stötzel in beharrlicher Konsequenz. Es ist ein umfangreiches Unterfangen, denn genau genommen gibt es für uns Menschen nur rund 20 Wörter, Namen für farbliche Erscheinungen – alles was dazwischen liegt, findet in unserer Sprache gar nicht statt. Vorhandenes in der Substanz mit den Augen zu erkennen ist dabei ebenso unmöglich, wie sich an einen spezifischen Farbton zu erinnern. Wenn die Wahrnehmung also derart relativiert ist, kann es in der Kunst auch nicht auf das ‚Was‘, sondern nur auf das ‚Wie‘ ankommen.

Farbe ist Material und Motiv

Wie rückt nun Reinhild Stötzel der Materie, dem Gegenstand Farbe in ihrem Werk nahe? Sicher hat von den großen Malern der Abstraktion Josef Albers den größten Einfluss auf Reinhild Stötzel gehabt. In ihrem Atelier hängt ein vor vielen Jahren entstandener abstrakter Siebdruck, das seine ‚Hommage to the Square‘ (Huldigung an das Quadrat) paraphrasiert. Die vier ineinander verschachtelten Quadrate hat sie in blaue, zum Zentrum hin in hellere graue Farbtöne gefasst - jeder davon steht für sich da. Albers untersuchte mit seinen ‚Square‘-Variationen die Nachbarschaft der Farben und deren unterschiedliche Wirkung in etlichen Varianten. Und genau das Thema Nachbarschaft, Modulation und Verlauf von Farben ist das, was im Zentrum der künstlerischen Arbeiten von Reinhild Stötzel steht. Ihre abstrakten Kompositionen, in denen sie diese Eigenschaften der Farben erforscht, einsetzt und variiert, bearbeitet, nennt sie ‚Progressionen‘ oder ‚Flügelbilder‘, gibt ihnen assoziative oder auch deskriptive Namen. Ihre Kompositionen können als Solitäre stehen oder aber in Reihungen gehängt das fortschreitende Prinzip noch stärker visualisieren, für den Betrachter intensivieren und einfacher lesbar und erlebbar machen.

Folgen und Steigerungen

An den ‚Progressionen‘, deren Spannungsfeld aus Farbverläufen und Farbgrenzen aufgebaut ist, arbeitet Reinhild Stötzel seit ihrer Studienzeit an der Akademie der Bildenden Künste München. Damals waren es kleine Formate, heute übersetzt sie sie in größere Strukturen. Sie malt sie in Öl, weil die Farben langsam trocknen und man sie wieder bearbeiten kann. Ihre Bildfindungen sind nicht abrupt. Vor dem finalen Malprozess in Ölfarbe werden die Kompositionen in kleinformatigen Studien in Pastellkreide erprobt. Das ist die intensive Gedankenarbeit, bevor es an die Umsetzung in Öl auf dem zuvor präpariertem hölzernen Bildträger geht. Jede Farbe hat ihre eigene Beschaffenheit, ihren eigenen Schwierigkeitsgrad, wenn es um ihre physische Darstellung geht. Die Progressionen von Reinhild Stötzel können eine waagerechte oder senkrechte Ausrichtung haben. Der Farbauftrag ist sehr fein, vielschichtig, die Oberfläche lässt ein feines, so für das Auge aber nicht mehr wahrnehmbares Pointilée erahnen. Die modulierten, untereinander agierenden Farbflächen können genau ausbalanciert oder auch rhythmisch bewegter und ungleichartig gesetzt sein. So entstehen Gemälde mit gänzlich unterschiedlichen Physiognomien. Sie haben eine sinnliche und hohe ästhetische Ausstrahlung, basieren jedoch auf genau ausgeklügelten Farbkreismischungen. Dies lässt sich besonders gut an den Progressionen 1 und 2 aus dem Jahr 2018 begreifen. Bei der ersten Progression handelt es sich um eine Mischung aus Blau, Violett, Rot und Orange, zu den Bildrändern laufen sie in der gespiegelten, farblich identen Anordnung in Blau und Orange aus. In der zweiten Progression entwickelt sich das Blau zu Rot, beide vertikalen Bildränder verlaufen in den gleichen vergrauten Farbton. Das Blau wird kontinuierlich mit Orange vergraut bis es schließlich zum Rot geworden ist. Im Zentrum der Komposition haben Blau und Rot die gleiche Helligkeit erreicht und sind leuchtend. Dieses minutiöse Spiel, das Modellieren der Farbe durch Farbe als Kontinuum, ermöglicht unendlich viele Variationen und Gestaltungsmöglichkeiten. Kein Gemälde gleicht dem anderen, auch wenn der Betrachter meint, es schon einmal gesehen zu haben. Die vermeintliche Erinnerung trügt, alle sind sie einzigartig.